Literarischer Kontext | Nach dem erfolgreichen Kampf mit den zwei Riesen Cadocepisode (V.5288–5729), die die zweite Hälfte der zweiten Aventiuresequenz eröffnet, haben sich Erecs Wunden wieder geöffnet. Als er wieder bei Enite, die dem Kampf fernbleiben musste, ankommt, bricht er nach dem Absteigen vom Pferd sofort zusammen. Enite glaubt, er sei tot, und bricht sofort in laute Klage aus (V. 5727–5738). |
Literarische Bedeutung/ Funktion | Das Hapax legomenon eröffnet seitens des Erzählers den Raum der Herzmetaphorik, die sich durch Enites gesamte Klage hindurchzieht. Die bitter nôt und alles leides galle (V. 5739f.) steigen in Form der riuwe in ihr herz auf und finden in ihrem Schrei Ausdruck. Die Einmalbildung nimmt den gesamten vierhebigen Vers ein und bekommt dadurch sowohl inhaltlich als auch rhetorisch im Sinne emotionaler Intensität besonderes Gewicht. Durch den Endreim entsteht eine Verbindung mit dem Wort erbarmeclîche: So sollen das Publikum und Gott die Klage Enites wahrnehmen. Es werden bereits mehrere Bedeutungen des herze vereint: Es fungiert als Empfindungsorgan, als das tiefste Innere, aus dem Enites Emotionen entspringen. Gleichzeitig lässt es sich in Kombination mit der riuwe, die auch die Trauer über einen Verlust bezeichnet ( MWB 2 1468,34), in übertragener Form stellvertretend für Enites geliebten Erec lesen, dessen Tod sie hier betrauert. |
Weitere literarische Besonderheiten | Im Rest der Klage werden noch weitere Bedeutungen des herze durchgespielt: In V. 5749 überträgt sich Enites Leid mit ihrer herzesêre und ihrer Klagegestik (V. 5757f.) auf die körperliche Ebene. In der Bitte, dass Gott ihr tôtez herze rette (V. 5774–5790), wird das Herz zum Sitz der Lebenskraft erweitert. Sie verweist Gott auf ihres herzen grunt (V. 5804), an dem sie ergänzend zum Erzähler auch selbst ihre Emotionen verortet. Sie bittet, dass Erec am Leben bleibt und falls Gott dieser Bitte nicht nachkäme, so möge er sie – dem Versprechen, „daz ein man und sîn wîp suln wesen ein lîp“ (V. 5826f.), entsprechend – sie ihrem Geliebten in den Tod folgen lassen. In ihrem Zweifel an Gott ruft sie stattdessen den Tod an, den sie als einzigen Mann sêre in mînem herzen minne von allem mînem sinne (V. 5879–5881). Wenn man das Herz hier als Sitz einer geliebten Person liest und bei Enite Erec als Inhaber dieses einmaligen Platzes dort verortet, lässt sich der Tod auch als tot geglaubter Erec lesen, dem sie in ihrer Liebes- und Leibeseinheit, (vgl. der Herztausch schon V. 2361–2367) nachzusterben sucht. Die wortwörtliche Beständigkeit ihrer Liebe zeigt sich auch darin, daz ir herze nicht zerbrach von leide, daz was wunder (V. 6075f.).
Bei Chrétien taucht das Herz stattdessen im Zusammenhang mit Erecs Scheintod auf: et li cuers faillant li aloit (Chrétien: Erec, V. 4563) ‚und das Herz war nahe daran, ihm [Erec] zu versagen‘ (Ed. Gier, S. 259). Dadurch steht bei Chrétien weniger die emotionale und mehr die körperliche Bedeutung des Herzens im Vordergrund. Enide fragt Gott sofort, warum er sie so lange leben ließe und bittet den Tod, sie bald zu holen. Ihr Zweifel an Gott bleibt weitestgehend aus, wenn sie sich selbst die Schuld für Erecs Ausreiten und somit auch für seinen Tod gibt. |